Architekt Josef Hohensinn wurde 1956 in Oberösterreich geboren. Nach der HTL in Linz Hochbau studierte er an der Technischen Universität Graz. Schon während des Studiums Beginn selbstständiger Arbeit. Von 1990–1995 Universitätsassistent bei Professor Franz Riepl, 1995 folgte die Gründung eines selbstständigen Architekturbüros. In den Jahren 1996 und 1997 Partnerschaft mit Professor Hubert Riess. Seit 1998 gibt es das Büro „hohensinn architektur“ in Graz.
interview
Architektur mit Respekt
Eva Guttmann im Gespräch mit Josef Hohensinn
Architektur & Bau Forum, Nr. 15, Sept. 2005
Josef Hohensinn ist ein Architekt, der nicht berühmt werden will. Er ist ein Architekt, der Zurückhaltung zum Programm macht und glaubwürdig versichert, dass der Mensch im Mittelpunkt seiner Arbeit steht. Der Erfolg – zuletzt wurde Josef Hohensinn für das Justizzentrum Leoben mit dem Architekturpreis des Landes Steiermark ausgezeichnet – gibt ihm recht und trägt zu jener Zufriedenheit bei, die er als persönliches Ziel anstrebt.
Warum bist du Architekt geworden?
Architektur war in meinem Umfeld – ich bin am Land, im Innviertel, aufgewachsen – kein Thema. Ich hab auch keine Architekten gekannt, aber ein entfernter Verwandter meiner Mutter war Baumeister, und ich habe schon als kleines Kind immer und überall Häuser gezeichnet,wollte immer irgendetwas bauen, ohne das konkret zu benennen. So schnell wie möglich habe ich mich dann darum bemüht, vom Land wegzukommen und bin nach Linz auf die HTL für Hochbau gegangen, anschließend nach Graz, um Architektur zu studieren.
Diese Entwicklung war also sehr linear?
Ja, die war absolut linear, ohne Aufregung, ohne Abweichung, und ist auch während des Studiums weiter so abgelaufen. Ich habe von Beginn an gearbeitet, ständig irgendwelche Projekte gehabt wie etwa Einfamilienhäuser oder kleine Wohnanlagen und war eigentlich mehr auf Baustellen als in Vorlesungen anzutreffen.
Wie gestaltet sich dein Zugang zu Bauaufgaben, welche Bauaufgaben interessieren dich?
Ich wurde neulich gefragt, was ich in meinem Leben noch bauen möchte, und ich konnte auf Anhieb nichts sagen. Jede Bauaufgabe hat ihre interessanten Aspekte und ermöglicht eine gewisse Weiterentwicklung, auch innerhalb gewohnter Bereiche, ohne dass man in eine festgefahrene Routine verfällt. Aber natürlich ist auch die Erarbeitung neuer Themen spannend.
Trotzdem finden sich in deiner Arbeit auffallend viele Wohnbauten und Einfamilienhäuser.
Dieses Thema zieht sich insofern durch, als es einen starken sozialen Aspekt beinhaltet, der mich sehr interessiert. Der Bezug zum Menschen, zu den Nutzern steht im Mittelpunkt, und daraus ergibt sich auch ein stark pragmatischer Zugang zu den einzelnen Aufgaben und zum Entwerfen.
Was heißt das, wie entwirfst du?
Bei mir geht das sehr stark über das Zeichnen, die Sinnlichkeit des Stiftes, in Kombination mit der Auseinandersetzung mit Bauherren und Mitarbeitern. Mit der Zeichnung entwickelt sich eine gedankliche Vorstellung von Licht, Gestalt, Atmosphäre, es ergibt sich eine Ausgewogenheit zwischen der Erfüllung eines Programms, der Schaffung eines Nutzbaus und dem Mehrwert an Qualität und Raumgefühl. Und das macht ja gute Architektur aus, dass sie mehr ist als die bloße Zweckerfüllung.
Formale Aspekte stehen im Hintergrund, stark konzeptionelle oder gar radikale Ansätze gibt es nicht?
Das bin nicht ich, das ist mir fremd. Mein Weg ist genau umgekehrt: Die Form ergibt sich eher spielerisch-plastisch in der Bearbeitung, im Zeichnen. Es gibt eine Vorstellung, zum Beispiel wie beim Sportstadion für Bad Aussee, wo ich weiß, ich brauche eine kräftige Form als Gegenüberstellung zur Landschaft, damit sich das Bauwerk behaupten kann. Aus so einer Vorstellung ist dann das Dach als Signal, als Zeichen entstanden, allerdings auf einem Baukörper ruhend, der äußerst zurückgenommen ist, nur die Betonung einer Geländekante mit einer „Baracke“ drauf. Ich versuche immer, sehr reduziert zu entwerfen und mit den vorgefundenen Strukturen zu arbeiten.
Diese Zurückhaltung geht bis ins Detail?
Klarheit und Einfachheit zu finden und oft auch ganz bewusst Ruppigkeit, ist mir wichtig. Ich will aus einer einfachen Bauaufgabe kein übertriebenes, mit raffinierten Details überladenes Ding machen. Das ist eine extrem schwierige Gratwanderung, denn wenn etwa ein Teil eines Anschlusses schlecht ausgeführt ist, dann leidet das gesamte Projekt.
Wie hoch sind die „Verluste“ vom Entwurf bis zur fertigen Realisierung?
Ich weiß nicht, ob man wirklich von „Verlusten“ sprechen sollte … Die Qualität einer Arbeit ist aber sicher in hohem Maß von der Qualität des Bauherrn abhängig. Von seinem Willen, seiner Anstrengung, seiner Begeisterung. Es reicht nicht, dass er die Kosten trägt, er muss auch die Inhalte mittragen und an einer gemeinsamen Entwicklung interessiert sein. Oft hat das Ergebnis nicht mehr viel mit den Ausgangsvorstellungen zu tun, und trotzdem ist die Arbeit gelungen. Das trifft auf private Bauherren ebenso zu wie auf die Vertreter öffentlicher Auftraggeber.
GUTE ARCHITEKTUR IST MEHR ALS BLOSSE ZWECKERFÜLLUNG.
Aber es gibt auch Projekte, mit denen du nicht zufrieden bist?
Es gibt kein Projekt, von dem ich sagen kann, dass alles so geworden ist, wie ich es mir vorstelle. Das muss man akzeptieren und beim nächsten Mal besser machen. Und wenn wirklich einmal etwas absolut perfekt ist – ich glaube, dann muss ich aufhören zu bauen. Aber ich mache mir keine Sorgen, dass das so bald passiert.
Die Menschen stehen im Mittelpunkt deiner Arbeit. Wieviel Spielraum gestehst du Bauherren oder Nutzern zu, und wieviel „Durchschnittsindividualismus“ vertragen deine Wohnbauten?
Prinzipiell gibt es sehr viel Spielraum, aber das hängt natürlich erstens von der Bauaufgabe und zweitens von den Interessen und Möglichkeiten der Bauherren oder Nutzer ab. Einfamilienhäuser kann man viel genauer auf die Bedürfnisse ausgerichtet planen als Wohnbauten. Diese müssen eine viel größere Allgemeintauglichkeit aufweisen, und man muss sehr vorsichtig sein im Umgang mit Formensprache und Stimmung. Jeder Mieter, jede Mieterin sollte sich dort zurechtfinden können und wohlfühlen, und obwohl ich natürlich versuche, bezüglich räumlicher Vielfalt, moderner Lebensvorstellungen und -situationen und der generellen Weiterentwicklung von Wohnarchitektur so weit wie möglich zu gehen, müssen die Bauten für die Nutzer nachvollziehbar bleiben. Ich halte nichts davon, die Bewohner zu überfordern, sondern es ist ganz wichtig, fein abzustufen und zu justieren, was verträglich ist.
Du denkst die Blumenkistln und die Vogelhäuschen mit?
Sicher, das ist wirklich wichtig, und das hab ich auch blutig gelernt. Man trifft die Grenze des Verträglichen nicht immer – weder in der einen noch in der anderen Richtung, aber es gibt da zumindest ein starkes Bemühen, im sozialen Wohnbau hohe Nutzerzufriedenheit zu schaffen. Was bringen zum Besipiel Freiräume, die zwar sehr schön, aber weil sie so ausgesetzt sind, für den „Normalverbraucher“ nicht nutzbar werden. Er will ja ein Rückzugs- und Schutzbedürfnis befriedigt haben, und das kann ich nachvollziehen. Diese soziale Verantwortung kommt, glaube ich, lange vor dem Formalismus, beinhaltet aber genau so eine schrittweise Ausweitung des Machbaren.
Es gibt also einen „pädagogischen“ Aspekt in deiner Arbeit?
„Pädagogisch“ ist nicht das richtige Wort, das ist viel zu hochtrabend, aber ich versuche schon, eine Richtung vorzugeben, die eine lethargische Bierdosenfernsehnachmittagsstumpfheit nicht gerade unterstützt.
Gibt es Schlüsselprojekte wie etwa das Justizzentrum Leoben, wofür du kürzlich mit dem Architekturpreis des Landes Steiermark ausgezeichnet worden bist?
Die Kontinuität meines beruflichen Werdegangs wiederholt sich in der Arbeit. Da gibt es eigentlich keine großen Sprünge oder Brüche. Natürlich entwickelt man sich weiter, setzt neue Schwerpunkte, probiert aus, versucht in anderen Sparten Fuß zu fassen, aber das passiert eher in sanften Wellen als ruckartig oder über einzelne Schlüsselprojekte. Die zentralen Themen – der Respekt vor den Menschen, vor der Umwelt und der vorgefundenen Situation und der Umgang damit – bleiben ja gleich, egal, was man baut.
Was oder wer beeinflusst dich, und wie entwickelst du dich weiter?
Prägend war die Zeit, in der ich Assistent bei Franz Riepl am Institut für ländliches Siedlungswesen an der TU in Graz war. Das war eigentlich meine Ausbildungszeit, und ich denke, dass Professor Riepl sein Institut auch so verstanden hat – als Ausbildungsstätte für junge Architektinnen und Architekten. Es gab dort eine sehr ernsthafte, inhaltliche Auseinandersetzung mit großem Tiefgang und Willen, die zugleich aber ganz pragmatisch und praktisch orientiert war und für die ich sehr dankbar bin. Ebenso war für mich die Zusammenarbeit mit Hubert Rieß, der sehr dem sozialen Wohnbau in Skandinavien und im Speziellen Ralph Erskine, den ich auch selbst kennen lernen durfte, verbunden ist, ungemein wichtig. Aus diesen Erfahrungen entstand zum Großteil mein Zugang zur Architektur, das sind wesentliche Fundamente. Jetzt versuche ich einfach, so viel wie möglich zu sehen, so offen wie möglich zu sein, mich auszutauschen und die Welt aus einem möglichst großen Blickwinkel zu betrachten.
DIE ZENTRALEN THEMEN – DER RESPEKT VOR DEN MENSCHEN, VOR DER UMWELT UND DER VORGEFUNDENEN SITUATION UND DER UMGANG DAMIT – BLEIBEN GLEICH, EGAL, WAS MAN BAUT.
Hat sich das Leistungsspektrum eines Architekten in den letzten beiden Jahrzehnten geändert?
Die Geschwindigkeit hat sich geändert. Als Architekt musste man schon immer Generalist sein, das hat sich nicht geändert, aber jetzt wird die Auffächerung der Planungsbereiche durch die technologische Entwicklung immer größer, und es ist zwar nach wie vor wichtig, einen gewissen Überblick zu haben, aber es ist nicht mehr möglich, auf jedem Gebiet absolut kompetent zu sein. Dadurch nimmt auch der Stellenwert eines entsprechenden Teamworks zu, und ich halte es für extrem wichtig, jede Arbeit als Gruppenarbeit zu verstehen und durchzuführen. Denn im Gespräch, in der Zusammenarbeit und Auseinandersetzung liegt das Potenzial der Weiterentwicklung, der gegenseitigen Inspiration.
Möchtest du berühmt werden?
Nein, überhaupt nicht. Ich will für mich eine gewisse persönliche Zufriedenheit schaffen und noch ein paar Projekte haben, die ich für einigermaßen gelungen halte, aber ich strebe nicht nach großartigen, für mich unerreichbaren Zielen.
Empfindest du als Architekt eine gesellschaftliche, kulturelle oder politische Verantwortung?
Ja, durchaus. Ich glaube, speziell in unserem Beruf ist das ein sehr wichtiger Teil der Arbeit. Diese Verantwortung beginnt bei jeder städtebaulichen Situation und endet in der kleinsten Wohnung, in der Qualität für den einzelnen Menschen. Dieser Aspekt war für mich auch bei der Arbeit am Justizzentrum in Leoben maßgebend.Wir haben dort vehement für Änderungen und Weiterentwicklungen im Strafvollzug gekämpft und konnten – mit großer Hilfe des Bauherrn – diese soziale Verantwortung auch zu Ende tragen und klare Verbesserungen bewirken. Ich scheue mich nicht vor dieser Art von Bauaufgaben, denn wenn ich sehe, dass etwas im Argen liegt, und ich die Chance bekomme, das zu ändern, dann ist das genau der Punkt, wo ich auch als Einzelner wirklich Einfluss nehmen kann.
Josef Hohensinn
1956 geboren in Oberösterreich
HTL in Linz, Hochbaustudium an der TU Graz
1990–1995 Universitätsassistent bei Professor Franz Riepl
1995 Gründung selbstständiges Architekturbüro
1996–1997 Partnerschaft mit Hubert Rieß
Seit 1998 Büro „hohensinn architektur“ in Graz
Projekte (Auswahl)
Wohnanlagen: Volpesiedung Weiz; Wohnanlage Kindberg; Wohnanlage Bairisch-Kölldorf; Einfamilienhäuser; Sportstätten: Sport- und Freizeitanlage Bad Aussee, Sport- und Freizeitanlage Stattegg, GAK Trainingszentrum, Graz; Justizzentrum Leoben, Generalplanung Neubau Justizzentrum. In Planung: Winterhafen Linz,Wohnen an der Donau, Linz; Geschäfte: Firma KAPO Betriebsanlage Bulgarien, Fenster- und Möbelwerk; Um- und Zubau Reiterkaserne Graz; Ferienanlage Dajla, Kroatien
Preise (Auswahl)
Architekturpreis des Landes Steiermark 2004: Justizzentrum Leoben; Steirischer Holzbaupreis 2003, Kategorie Mehrfamilienhäuser: Wohnanlage Mürzsteg; Preisträger Steirischer Holzbaupreis 2003, Kategorie Öffentliche Bauten: Sport- und Freizeitanlage Bad Aussee; Geramb Dankzeichen für gutes Bauen 2001: Haus W, Bad Aussee
